Frohmann Verlag: Der Katersalon als Real-Life-Transmitter des digitalen Verlags

Kurze Beschreibung des Unternehmens/Akteurs

Der Frohmann Verlag ist im Juli 2013 gerade erst ein Jahr alt geworden. Gegründet wurde er als Weiterführung des experimentellen Imprints eriginals berlin. Die Idee
war am Beginn, den Prinzipien des klassischen Verlags zu folgen, der sich mit seinen Autoren an die noch opaken kulturellen Phänomene herantastet: an die neuen Formen von Kultur, Kunst und Literatur, die sich mit rasender Geschwindigkeit im Netz und durch das Netz entwickeln.

Diesen Themenschwerpunkt hat der Frohmann Verlag realisiert. Alles andere sah dann aber schnell ganz anders aus. Klassisch ist der Frohmann Verlag eigentlich nur dort noch, wo es um das Festhalten am unbedingten Qualitätsanspruch geht. Ansonsten hat der Verlag bislang ausschließlich digitale Publikationen herausgegeben. Auch gelten die klar definierten Rollen von Verlegerin, Autoren und Lesern für ein solches Projekt nicht mehr viel. Nicht zuletzt funktioniert das Marketing über neue dynamische dialogische Formen, die durch das Internet ermöglicht werden. Bei Frohmann läuft eben alles ganz anders.

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Dem liegt kein offensiv revolutionäres Programm zu Grunde. Vielmehr ergibt sich das Neue durch den Habitus und die Denkweisen der Verlegerin Christiane Frohmann, die den aufgeklärt entspannten Umgang mit einer sich ständig verändernden kulturellen Umwelt nicht nur gern theoretisiert, sondern auch lebt und in neue Unternehmungen übersetzt.

Damit ist sie ist das Gegenteil einer Verlegerpersönlichkeit alter Schule. Sie residiert in keiner Villa. Sie vermittelt ihren Autoren kein gesellschaftliches Prestige durch eine exaltierte Form bildungsbürgerlicher Inszenierung. Frohmanns Produktionsmittel sind ein Laptop und ein Smartphone. Die Produktionsenergie ergibt sich aus dem leidenschaftlichen Umgang mit erstaunlich vielen Menschen.

Beschreibung der Marketing-Idee

Zu diesem leidenschaftlichen Umgang gehört, dass Christiane Frohmann ihren Verlag mit dem von ihr bereits im März 2012 initiierten Katersalon vernetzt hat. Er findet einmal im Monat im mittlerweile berühmten Berliner Club KaterHolzig statt.

Frohmann setzt die Themen. Dann wird in den Katersalon eingeladen, wer dazu etwas zu sagen hat: etwa die Twitter-Autorin Ute Weber für ZWISCHENWELT, Blogger Leander Wattig für SELF-PUBLISHING und Autor David Wagner für LEBEN.

Inwiefern ist/war die Marketing-Idee innovativ oder neuartig?

Mit dem Katersalon hat Christiane Frohmann ein neues Format kulturwissenschaftlicher Performance gefunden. Ihre Einführungsvorträge lassen sich als allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Bilderbetrachten beschreiben. Durch die Unterfütterung mit Gossip und Trivia wirkt das Ganze trotz anspruchsvoller Themen und Referenzen für Beobachter milieuübergreifend lebendig und ansteckend.

Im mittleren Teil des Abends, der noch am ehesten einer klassischen Literaturveranstaltung entspricht, liest ein Gast aus einem aktuellen Buch oder EBook, meist aber spricht sie oder er frei über dessen Hintergründe und kreativen Begleitumstände. Abgeschlossen wird der Abend jeweils von einem Stand-up der Ästhetikdozentin und Frohmann-Autorin Diana Weis.

Die Akteure des Katersalons gehen zusammen mit den Gästen ganz bewusst an die Grenzen des Zumutbaren, um dadurch eine intellektuelle Energie entstehen zu lassen, die auch das Publikum berührt. Dazu trägt die musikalische Kuratierung des Themas durch Frohmann-Autorin Nadine Hartmann bei. Autoren kommen gern in den Katersalon – und wieder.

Wer will, kann diese Aktivitäten auch über die Auftritte bei Facebook, Twitter, Tumblr und Pinterest nachvollziehen, die Frohmann nicht als bloße Werbeauftritte versteht, sondern als die Orte im Netz, an denen das Thema immer weiter angereichert wird. Die Facebookseite hat mittlerweile über 3.000 Fans. Hier kann man ein Gefühl dafür bekommen, was für eine Lebendigkeit sich auch an jedem Abend des Katersalons entwickelt. Jene Lebendigkeit, mit der Christiane Frohmann auch ihren Verlag elektrisiert.

Frohmann agiert als Verlegerin, Autorin, Herausgeberin, Salonière und Radiomoderatorin. Der Frohmann Verlag, der Katersalon im KaterHolzig, die Radiosendung Ladyland aus dem Haus der Kulturen der Welt und die gerade begonnene Herausgebertätigkeit für den Verlag des Archivs der Jugendkulturen sind sich gegenseitig beeinflussende Ausdrucksmittel eines offen angelegten und sich ständig weiter entwickelnden Projekts, in dessen Zentrum die Frage steht, wie man bewusst halbbewusst an neuen Kulturen mitwirken kann, die sich noch rationalem, begrifflich fassbaren Verstehen entziehen.

Ist/war die Idee ansteckend oder vielleicht sogar stilprägend?

Dieses Prinzip hat ganz automatisch dazu geführt, dass Christiane Frohmann nicht die alten Programmschienen bedient, sondern permanent Neues entwickelt. Was bei ihr im letzten Jahr passiert ist, ist durchweg erstaunlich. Frohmann war die erste, die 2011, noch im Imprint eriginals berlin, E-Books rund um Neues Lesen und mit Neuen Literaturen veröffentlicht hat, darunter als programmatischen Opener Ruth Klügers ‚Anders lesen’ und die ersten Tweet-E-Books, die nicht nur viele Leser für Twitter gewonnen, sondern auch den Twitterern überhaupt erst ein Bewusstsein davon vermittelt haben, dass sie echte Autoren sind und mit die interessanteste Literatur der Gegenwart schreiben. Im Frohmann Verlag veröffentlichen u. a. der Startwitterer Jan-Uwe Fitz, die diesjährige Ponto-Preisträgerin Anousch Mueller sowie die Autorin und Politikerin Julia Schramm. Als Herausgeber für die neue wissenschaftliche Reihe zu netzkulturellen Phänomenen ‚Generator’ konnte Stephan Porombka (Professor für Texttheorie und –gestaltung an der UdK Berlin) gewonnen werden.

Durch die Schaffung solcher Netzwerke und durch die Impulse, die sie ohne Unterlass gibt, wirkt Christiane Frohmann längst stilbildend…

Ausblick: Wie geht/ging es weiter?

Der Katersalon wird über die bevorstehende Schließung seines bisherigen Gastgebers KaterHolzig hinaus fortbestehen. Um lebendig zu bleiben, wird er sich immer wieder verändern. Zunächst wird er nomadisieren: Parallel zur Buchmesse findet der KATERSALON BERLIN IN FRANKFURT im Club Rockmarket statt. Es folgen Gastspiele in Düsseldorf, Hamburg und München. Danach kehrt er nach Berlin zurück – der Ort ist noch geheim –, aber er wird bereits sehnsüchtig erwartet. Der nächste Schritt ist die Weiterentwicklung des Katersalons zu einem Internetfernsehformat. Es wird nicht die letzte Transformation bleiben.

Der Frohmann Verlag, der Katersalon und Radio Ladyland werden zukünftig noch stärker miteinander verbunden, um Themen aus verschiedenen Perspektiven im Wechselspiel zu behandeln, so etwa „Puppe“ im November 2013: als PUPPEN-Katersalon, „Baby Doll“ bei Radio Ladyland und Einzeltext „Puppenruhe“ im Frohmann-E-Book ‚Katersalonschriften’. Danach folgt das Thema „Selfie“ im Dezember 2013: als ICH-ICH-ICH-Katersalon, „Female Selfies“ bei Radio Ladyland und Generator-E-Book „Selfie“ im Frohmann Verlag.

Christiane Frohmann fasst Verlagsarbeit als intellektuelles und kreatives Sichentwickeln mit den Möglichkeiten der Gegenwart auf. Der Gedanke, dass morgen schon wieder alles ganz anders sein könnte, macht ihr keine Angst, denn sie wird mit viel Energie und Ansteckungskraft daran beteiligt gewesen sein. Zusehen kann man ihr dabei im Katersalon.

Wer reicht den Vorschlag ein?

Daniel Haupt