ununi.TV: Erfolgreiches Crowdfunding einer Bildungs-Videoplattform als lebenslange Unkonferenz

Kurze Beschreibung des Unternehmens/Akteurs

ununi.TV ist eine Bildungs-Videoplattform von allen für alle. Jede/r kann mitmachen und Mitglied werden. Für die Mitglieder/innen ist es eine Austauschbörse, Dachmarke und Möglichkeit, Geld zu verdienen. Für die Zuschauer/innen entsteht dadurch ein interaktives Bildungsfernsehen mit einem bunten Strauß an Angeboten.

Im Fokus stehen zunächst erwachsene Menschen, die außerhalb eines Normal-Arbeitsverhältnisses leben oder arbeiten. Die Plattform selbst hat verschiedene Aktivitätslevels, die theoretisch jedem offen stehen (Videobörse, Lern-Community, EduShop). Es existiert kein Curriculum und kein Lehrenden-Lernenden-Verhältnis. JedeR ist jederzeit beides zugleich.

Vom Grundsatz her verstehen wir uns als lebenslange Unkonferenz – wir übersetzen das Barcamp-Format in eine Online-Arbeits- und Lernumgebung für erwachsene Menschen. Diese Umgebung soll vom Anspruch her auch für Nicht-Social-Media-Freaks gut nutzbar sein. Mittelfristiges Ziel ist es, ein gemeinnütziges Netzwerk-Unternehmen aufzubauen.

Beschreibung der Marketing-Maßnahme/-Strategie

Ende des Jahres 2012 entschieden wir uns, im Lean Startup-Verfahren erste Tests zu fahren, ob es einen potenziellen Markt für ein nachhaltiges ununi.TV-Angebot gäbe, über den sich zumindest langfristig die laufenden Kosten re-finanzieren ließen. Die erste Version von ununi.TV war Ende 2011 als experimentelles Bildungsprojekt im Rahmen eines Hochschulprojektes entstanden – damals noch ohne Business-Modell. Im zweiten Anlauf war klar, dass ununi.TV nur überlebensfähig sein kann, wenn es glückt, einen Ansatz diskursiv zu entwickeln, der von einer breiteren Gruppe getragen wird. Denn Bildung ist ein zäher Markt, da im deutschsprachigen Raum eine Assoziationskette mit diesem Begriff angestoßen wird, die in etwa so ausschaut: Bildung = öffentliche Institutionen = Schule = Kinder = Erinnerung = Instruktion = Wissensvermittlung = Lehrende = Noten = will-ich-persönlich-eigentlich-nichts-mit-zu-tun-haben = nur-für-meine-Kinder-ist-Bildung-relevant = möglichst umsonst.

Wir waren uns von Beginn einig, kein Venture-Capital-basiertes Wachstumsunternehmen aufbauen zu wollen, das lediglich Symptome des aktuellen Bildungssystems bekämpft. Auch liegen unsere Werte zu weit entfernt von denen an Exit-Strategien orientierten Business-Modellen. Gleichzeitig wollten wir ein nachhaltiges Modell aufbauen, um nicht dauerhaft von Fördergeldern abhängig zu sein.

Insofern avisierten wir gleich eine ambitionierte Crowdfunding-Kampagne als mögliche Anschubfinanzierung, die uns gleichzeitig als Marketing-Kampagne und auch als „proof-of-concept“ unseres grundlegenden Bildungsansatzes dienen konnte. Konsequenter Weise planten wir keine spenden-basierte Kampagne, sondern wir wollten sehen, ob sich zukünftige Mitgliedschaften in der entstehenden Community verkaufen ließen. Dazu war es erforderlich, unseren modernen Bildungsbegriff zu kommunizieren.

Bildung in unserem Verständnis ist grundlegend netzbasiert, dezentral und lebenslang zu denken. „Crowdbasiert“ mit dem Ziel, eine kontinuierliche Weiterentwicklung der beteiligten Personen, Netzwerke und Umwelten zu generieren. Dem Erfahrungsaustausch kommt dabei eine größere Rolle zu als der konkreten Wissensvermittlung. Insofern bildeten wir gleich zu Beginn eine G+ Community heraus, die es uns ermöglichte, nicht eine Sicht der Dinge zu präsentieren, die die „Crowd“ dann abnicken kann im Zuge der Crowdfunding-Kampagne. Sondern es ging uns darum, von Beginn an die Ideen der „Crowd“ mit einzubinden, das Verständnis von ununi.TV sehr offen und transparent von Grund auf gemeinsam zu denken.

Im Zuge dieser Community-Arbeit entfaltete sich im Laufe der Zeit eine Dynamik, die maßgeblich den Spirit und die Power von ununi.TV als Netzwerk-Unternehmen spürbar machte. Alle Beteiligten, die sich aktiv im Community-Prozess einbrachten mit vielfältigen, selbst initiierten Aktionen und Beiträgen, lieferten Puzzle-Steine für die Ausprägung eines Selbstverständnisses von ununi.TV, das eben nicht mehr das Produkt eines kleinen Teams, sondern eines wachsenden Netzwerkes ist, das vielfältig verankert ist in der digitalen Medien-Szene. Als Ergebnis dieses Prozesses, der schon sehr früh einsetzte, kristallisierte sich nebenbei über diese vernetzte Praxis der Slogan der Crowdfunding-Kampagne heraus, der zum emotionalen Treiber werden sollte: „Eine andere Bildung ist möglich.“

Inwiefern ist/war die Marketing-Maßnahme/-Strategie erfolgreich?

Die weniger auf Spenden denn auf Marketing setzende Crowdfunding-Kampagne mit der Vision einer anderen Bildung zu verbinden, war erfolgreich, da wir das formulierte Minimum-Ziel von 25.000 € am letzten Tag erreichen konnten. Wir können nunmehr weiter daran arbeiten, eine Mitmach-Uni für Erwachsene aufzubauen.

Auch wenn unser Bildungsverständnis nicht dem Mainstream-Denken (s.o.) entsprach und viele Personen kritisch nachfragten, um unseren Ansatz nachvollziehen zu können, ließ die Dynamik unserer Community eine virale Euphorie entstehen, die über 300 Personen Fans werden ließ und über 170 Personen dazu veranlasste, tatsächlich Geld in die Hand zu nehmen und uns aktiv zu unterstützen. Im Bildungsbereich mit dieser Ausrichtung weg von den bestehenden Institutionen und hin zu einer netzbasierten Zukunft solch eine ambitionierte Crowdfunding-Kampagne zum Erfolg geführt zu haben, war ein von vielen Beobachter/innen als kleine Sensation analysiertes Ergebnis.

Dieses Ergebnis beruhte auf einer klaren Strategie, die wir uns am amerikanischen Crowdfunding-Markt abgeschaut und auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten hatten. Ein abgestuftes Empfehlungsmarketing, gezielte Medienarbeit, Event-Marketing über eine begleitende Kampagne zur re:publica 2013 (#rp4U), ein regelmäßiges „Programm“ auf ununi.TV und noch einige andere Hebel waren Teil einer umfassenden Planung und Durchführung, die irgendwann durch die “natürlichen” Social-Media-Aktivitäten unserer Community flankiert wurden und so zum Ziel führten.

Lassen sich Zahlen als Beleg für den Erfolg nennen?

Über die Crowdfunding-Kampagne haben wir insgesamt 26.220 € eingenommen. Von allen Unterstützer/innen kauften exakt 111 Personen eine spätere Mitgliedschaft ein und konnten uns damit vorfinanzieren. Die Facebook-Seite ist durch die Crowdfunding-Kampagne von ca. 100 zu Beginn des Jahres auf 500 Mitglieder/innen angestiegen – eine ähnliche Entwicklung durchlief der Twitter-Account und die Google+ Page von ununi.TV.

In der ersten Kampagnen-Woche bezifferte unser Analyse-Tool die Anzahl der Erwähnungen auf Twitter auf über 700. Insgesamt wurde alleine unser Kampagnenlink auf Startnext während der Kampagne 1.400 Mal in den sozialen Medien geteilt. Im Laufe der Kampagne überarbeiteten wir immer wieder unsere Selbstdarstellung nach außen, um unseren Ansatz verständlicher zu machen. So veröffentlichten wir irgendwann unsere eher für den internen Bereich ursprünglich gedachten Slides zur ununi.TV-Community – bis heute ist diese Slideshare fast 6.500 Mal aufgerufen worden (siehe http://bit.ly/ununitvcommunity). Auch unsere zwischenzeitlich auf über 170 Videos angewachsene “Mediathek” erfreut sich einer großen Beliebtheit: Die Videos wurden bislang fast 12.000 Mal aufgerufen. Und die Anzahl der Seitenaufrufe pro Monat auf unserer Website liegt dauerhaft im sehr guten fünfstelligen Bereich.

Im Laufe der Wochen konnten wir vielfältige Blog-Artikel und Presse-Berichte zu unserer Sammlung hinzufügen: http://www.ununi.tv/de/content/presse – und auch nach der CF-Kampagne wird unsere Plattform weiterhin in ordentlicher Frequenz in verschiedenen Kontexten benannt. Als ernstzunehmender, kreativer Player im Bildungssektor nimmt man uns zunehmend wahr, was sich auch in diversen Kooperations-Anfragen von innovativen Initiativen aus der modernen Business-Welt mit Netzverständnis widerspiegelt.

Ausblick: Wie geht/ging es weiter?

Aktuell arbeiten wir daran, das in Aussicht gestellte Business Modell in den Grundzügen aufzusetzen und zum Laufen zu bekommen. Die Anzahl der Video-Anbieter/innen aus der Community heraus wächst; gleiches gilt für die geplanten EduShop-Angebote. Für den Herbst planen wir eine kollaborative Professionalisierungs-Kampagne innerhalb der Community. Auch halten wir Ausschau, wie wir in Kooperation mit anderen Playern verschiedene Entwicklungsschritte und Ausbaustufen ggf. mit öffentlichen Förderungen oder Sponsorings realisieren können. Es sind verschiedene Arbeitsgruppen mit Teil-Aufgaben betraut, diverse Entwicklungsschritte durchzuspielen bzw. moderne, kollaborative Arbeitstechniken für sich selbst einzustudieren und sich gemeinsam und wechselseitig weiterzuentwickeln. Es ist uns bewusst, dass es eines langen Atems braucht, um hier nachhaltig und massenwirksam eine andere Bildung zu realisieren. Wir bleiben dran!

Wer reicht den Vorschlag ein?

Dr. Anja C. Wagner
ununi.TV