Jo Lendle: Virenschleuder in der Schwergewichtsklasse der deutschen Verlagslandschaft

Kurze Beschreibung der Persönlichkeit, die nominiert wird

Jo Lendle

Seit 1. Januar 2014 ist Jo Lendle Chef von Hanser – einem der letzten großen selbstständigen Verlage, die mit Literatur und Sachbuch das Profil der literarischen Öffentlichkeit im deutschsprachigen Raum prägen.

Qualifiziert hat sich Jo Lendle für diese Position nicht nur, weil er zuvor schon Verlagsleiter und Lektor bei Dumont war. Lendle ist auch Autor. Er hat Kurzprosa und Romane veröffentlicht, die mehrfach ausgezeichnet worden sind. Großartig schreiben kann er nicht zuletzt, weil er in Hildesheim und Leipzig Literarisches Schreiben studiert hat.

So ist er mit all dem, was die Fragen der Autorschaft, des Literaturbetriebs, des Literaturmarktes und der literarischen Öffentlichkeit betrifft so lange, so unmittelbar und so produktiv vertraut, dass er ohne Frage zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten der deutschen Gegenwartsliteratur gehört.

In welcher Hinsicht hat die Persönlichkeit im letzten Jahr einen Unterschied gemacht?

Als Jo Lendle ein halbes Jahr vor Antritt seiner neuen Stelle bei Hanser auf ein Symposium eingeladen wurde, um laut über die Zukunft der Verlage nachzudenken, fragte er sich und seine Zuhörer, ob es künftig überhaupt noch so etwas wie Verlage im alten Sinn geben wird. Lendles Position war klar. Er rechne damit, dass sich die literarische Öffentlichkeit und der Markt für Literatur so vollständig verändern, dass sich alle Institutionen, die damit zu tun haben, neu erfinden müssen.

Solche starken Worte hatte man bis dahin vom Leiter eines renommierten Printverlages noch nicht gehört. Und niemand hatte damit gerechnet, dass ausgerechnet der junge Nachfolger des Kult-Verlegers Michael Krüger solche Statements abgibt. Der war doch immer wieder ganz vehement für das gedruckte Buch eingetreten. Nun kam Lendle, zeigte sich fasziniert von den Veränderungen und gab das Signal, dass er einen guten Teil seiner Energie auf die Erkundung der neuen Bedingungen und Möglichkeiten verwenden wird, ohne sich den platten Verheißungen der Netzkultur hinzugeben.

Was Jo Lendle damit für die literarische Öffentlichkeit getan hat, ist kaum zu überschätzen. Wir alle wissen: Die wichtigen Innovationen vom Social Reading bis zum Digital Publishing und zur eBook-Ästhetik werden derzeit nicht von den großen Verlagen vorangetrieben. Es sind stattdessen die vielen kleinen Projekte, die auf beeindruckende Weise zum Teil als One-Man- und One-Woman-Show vorführen, was möglich ist und möglich sein könnte. Aber Jo Lendle ist seit 2013 der First Mover in einer Liga, in der sich jenseits kleinerer Innovationen entscheidet, ob und wie die deutsche Verlagslandschaft überhaupt den Medienwechsel begleiten und produktiv mit bestimmen kann.

Lendle hat dieser Entwicklung ein Gesicht gegeben. Er hat mit seinem Verlag eine neue Denk- und Produktionsfigur präsentiert. Er hat damit auch die kleineren Projekte motiviert. Und er hat mit seinen Beiträgen nicht zuletzt gerade die Verlagsleute zum Nachdenken gebracht, die Buchkultur und Netzkultur getrennt voneinander verstehen wollen.

Wie hat die Persönlichkeit es geschafft, andere anzustecken?

Zu all dem gehört fraglos Mut. Es war keine Kleinigkeit, mit einer so profilierten Position in einem renommierten Buch-Verlag anzutreten und damit zugleich eine Branche aufzuwirbeln, die alles andere als optimistisch auf die Entwicklungen der Netzkultur schaut.

Das Interessante an Jo Lendle aber ist, dass er nicht als Angry Young Man auftritt, der vermeintliche Revolutionen auf Kosten anderer durchsetzen will. Lendle ist auch kein Smart Guy, der als verlängerte Hand von Unternehmensberatung den Buchbetrieb up to date bringen will. Jo Lendle führt etwas anderes vor. Er ist der Typ, der mit jungenhafter Leichtigkeit und Verschmitztheit etwas ausprobiert. Wer die Erzähler seiner Romane kennt, dem zeigt sich der Autor durch den Text hindurch als Experte der Ironie, dem es nie um platte Witze und Effekte geht. An der Ironie liebt er das Offene und Dynamische, das im alten Sinn der Romantik dann witzig ist, wenn es blitzartig zwei Sachen verknüpft, über die man bisher noch nicht zusammen nachgedacht hat. Wenn der Buchmarkt zwischen Print und Digital im Moment irgendeine Kompetenz vor allem braucht, dann genau diese.

Über keinen anderen Verleger sind im letzten Jahr so viel Porträts geschrieben worden. Keiner hat so viele Interviews gegeben. Keiner war so begehrt als Redner und Diskutant im Fernsehen, im Radio, auf Symposien und Podien zum Thema Buchmarkt, eBook und Social Media. Kein anderer Verleger hat mit seiner Verschmitztheit angesichts der großen Herausforderungen der Transformationen der Buchkultur so viel Mut und Zuversicht verbreitet.

Als wäre das noch nicht genug, hat Jo Lendle mit den sozialen Medien auf eine Weise experimentiert, die Maßstäbe setzt. Es ist ja fast sinnlos, überhaupt nach Accounts von Verlagsleuten zu suchen, in denen die einen Einblick in ihren persönlichen Umgang mit Literatur, Kultur und der Welt überhaupt geben. Jo Lendle lässt uns dagegen bei Facebook auf selbstironische, das eigene Image immer auch produktiv dekonstruierende Weise am Leben des Jo Lendle teilhaben. Der ist Verlagsleiter, vor allem aber ist er ein Leser, ein Aphoristiker, ein Gegenwartsbeobachter, ein Polemiker, der alles, was ihm durch die Finger und durch den Kopf geht, pointiert und positioniert.

Es mag müßig sein, die Likes zu zählen, die er dafür bekommt. Aber Fakt ist: Lendle schlägt mit dem Zuspruch, den er mit seinen Posts erfährt, einfach alles, was sich überhaupt im Verlagsumfeld im Netz bewegt. Und Fakt ist: Er regt mit seinen Beiträgen zum Diskutieren und zum Weiterspinnen an. Das beweisen die vielen Kommentare, die innerhalb von Minuten unter seinen Posts erscheinen.

Damit erprobt Lendle noch einmal ganz anders eine neue Verlegerfigur unter den neuen Bedingungen. Und wir können ihm dabei zusehen. Wir lassen uns inspirieren. Mehr noch: Wir lassen uns anstecken. So sehr, dass klar ist: Er gehört unbedingt auf die Liste der ansteckenden Persönlichkeiten für den Virenschleuder-Preis 2014.

Wer reicht den Vorschlag ein?

Prof. Dr. Stephan Porombka
Professor für Texttheorie und Textgestaltung
Universität der Künste Berlin
Twitter: @stporombka