Jutta Reichelt: Geschichten-(An)stiftung

Kurze Beschreibung des Unternehmens/Akteurs

AU_Reichelt_c_Caro_Dirscherl_LJutta Reichelt, 1967 in Bonn geboren, ist Schriftstellerin. Für die erste Geschichte, die sie zu einem Wettbewerb schickte, erhielt sie den Würth-Literatur-Preis und Herta Müller sagte in der Laudatio: „Aus der Tragik schlüpft bei ihr der Witz.“ Das war 2001 und seitdem ist sie auf der Suche nach den „Geschichten, die darauf warten, von ihr erzählt zu werden“. Der Roman „Wiederholte Verdächtigungen“ der in diesem Frühjahr bei Klöpfer & Meyer erschien, ist der erste längere Text, mit dem sie restlos einverstanden ist.

Ihr Ideenreichtum wurde in diesem Jahr bereits prämiert: Vom Bremer Wirtschaftssenator Günthner wurde sie als eine von 13 Gewinnern des Wettbewerbs „Ideenlotsen – Business as unusual“ als Bremer Ideenmacherin 2015 ausgezeichnet.

Seit 2013 bloggt Jutta Reichelt „Über das Schreiben von Geschichten“ und hat durch ihre ungewöhnliche Kombination von Werkstattberichten, Schreibanregungen und  Überlegungen zum Schreiben eine unverwechselbare und zum Schreiben anregende Autorinnen-Seite geschaffen, deren Zugriffszahlen kontinuierlich steigen.

Beschreibung der Idee

Am Anfang der Idee stand ein Verlust. Der Verlust des Satzes, der mehrere Jahre das Romanmanuskript „Wiederholte Verdächtigungen“ zusammengehalten hatte: „Christoph ist verschwunden“. Auf ihrem Blog berichtete die Autorin unter der Rubrik: „Vom Text zum Buch“ von der Notwendigkeit diesen so zentralen Satz zu ändern – aus Gründen der Perspektive. Wie zum Trost schrieb eine Leserin eine kurze „Christoph ist verschwunden“-Skizze und brachte damit Jutta Reichelt auf die Idee, den Satz „frei zu geben“, zu verschenken. Und die Autorin wurde ihrerseits beschenkt: mit einer unglaublichen Fülle an Geschichten. Wer einmal „Christoph ist verschwunden“ in eine Suchmaschine eingibt, wird sich eine Vorstellung machen können. Hier ein Beispiel in Schweizer Mundart:

Inwiefern ist/war die Idee innovativ oder neuartig?

Viele Verlage suchen nach Möglichkeiten, ihre Neuerscheinungen ins Gespräch zu bringen, insbesondere auch unter „Bloggern“, viele Autoren und Autorinnen suchen nach einer für sie passenden Weise, sich und ihre Texte zu präsentieren. Jutta Reichelt hat es geschafft, auf ihrem Blog mit ganz unterschiedlichen Beiträgen („Mission Geheimtipp“, „Vom Text zum Buch“, „Christoph ist verschwunden – und was ist mit Katharina?“) immer wieder Aufmerksamkeit für ihren Roman zu generieren – auf eine charmante und originelle Art, die einen sympathisch eigensinnigen Ton hat.

Ist/war die Idee ansteckend oder vielleicht sogar stilprägend?

Angesteckt worden sind vor allem viele Leser und Leserinnen des Blogs zum weiter, anders, neu schreiben. Der verschenkte Satz „Christoph ist verschwunden“ wirkt nicht nur ansteckend im Sinne einer viralen Verbreitung, sondern löst eine Eigendynamik auf ganz wesentlicher inhaltlicher Ebene  aus.

(Ein Blogeintrag als Beispiel: „An den Tagen, an denen ich im Stau sitzend schreiben müsste, an den Tagen, an denen ich zwischen Schriftsätzen schreiben müsste, an den Tagen, an denen meine eigene Stimme dünn wird über den vielen Stimmen, denen ich vorbestimmte Form und Gestalt gebe, an diesen Tagen erhalten unter anderem die Beiträge in diesem Blog meine Liebe zur Vielgestalt der Texte jenseits der Schriftsätze am Leben. Dank dafür und herzliche Grüße, K.“)

Ausblick: Wie geht/ging es weiter?

Jutta Reichelt lädt seither immer wieder und mit großer Resonanz Leser und Leserinnen zum „Weiterschreiben“ ein, z. B. in dem Post „Geschichte in gute Hände abzugeben“. Im Unterschied zu „normalen Schreibaufgaben“ aus dem Bereich kreativen Schreibens, entstehen die „Anregungen“ hier stets in einem Zusammenhang zu ihrem eigenen künstlerischen Prozess. Auch wer selbst nicht schreibt, erfährt dadurch, wie Ideen entstehen, wie sie reifen und wie einzelne Arbeitsschritte kreativer Prozesse konkret aussehen.

Im neuen Roman von Jutta Reichelt wird ein Blog eine größere Rolle spielen – mehr wird noch nicht verraten …

Wer reicht den Vorschlag ein?

Annette Maria Rieger
Presse / Öffentlichkeitsarbeit Klöpfer & Meyer

Foto: Caro Dirscherl