Herbergsmütter: #pantwitterspiele

Kurze Beschreibung der Akteurinnen

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Die Herbergsmütter dürften den meisten, die an einer Verknüpfung von Kultur und sozialen Netzwerken interessiert sind, keine Unbekannten sein. Seit Jahren wirbeln Wibke LadwigUte Vogel und Anke von Heyl kulturvermittelnd durchs Netz und das mit äußerster Kreativität, Einfallsreichtum und unbändigem Willen. Sie organisieren stARTcamps und Tweetups, sie berichten über ihre Kulturerlebnisse und kulturellen Aktivitäten, sie beteiligen sich an kreativen Aktionen, die im Netz iniitiert werden und initiieren selbst immer wieder welche – nicht nur in Zusammenarbeit mit Kultureinrichtungen, sondern auch ohne institutionelle Anbindung. Zuletzt riefen sie die #pantwitterspiele ins Leben, die ich aufgrund der innovativen Idee und der viralen Kraft, die sie entwickelten, hiermit für den Virenschleuderpreis nominiere.

Kurze Beschreibung der Idee

Die Idee für die #pantwitterspiele wurde geboren, nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOC) und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) Ende Juli 2016 irrwitzige Regeln herausgab, dass die offiziellen Hashtags während der Olympischen Spiele in Rio von Nicht-Sponsoren weder verwendet noch verbreitet werden dürfen. Diesem „Quatsch“ wollten die Herbergsmütter spontan „einen anderen Quatsch“ entgegensetzen. Und so fanden parallel zu den Olympischen Spielen, über die man sich in den sozialen Netzwerken nur eingeschränkt begeistert zeigen durfte, vom 5. bis 21. August 2016 die #pantwitterspiele statt, über die man sich uneingeschränkt im Netz begeistert zeigen konnte.
Der Hashtag bezieht sich auf die Panhellenischen Spiele, die zu Ehren der griechischen Götter an religiösen Kultstätten abgehalten wurden; Spiele, die nicht nur sportliche, sondern auch künstlerische und kreative Aktivitäten beinhalteten.
Eine Ankündigung auf dem Blog der Herbergsmütter skizzierte den Ablauf der ohne lange Vorlaufzeit ins Leben gerufenen #pantwitterspiele:

Wir haben ein temporäres Nationales Flohzirkus Komitee (NFK) gegründet und halten es ganz entspannt: Am Tag 1 (gerade Tage) wird einen Disziplin ausgerufen, an der sich jeder beteiligen kann, sei es als Wettkämpfer, Zuschauer, Coach, Kampfrichter oder Kommentator, mit Fotos, Videos oder Texten. Bitte nutzt den Hashtag #pantwitterspiele. Tag 2 (ungerade Tage) ist spielfrei, wir sichten und favorisieren die Darbietungen und küren abends einen Sieger, was mit einer entsprechenden Hymne begleitet wird. Am nächsten Morgen wird die nächste Disziplin ausgegeben. Doping ist im Rahmen von Kaffee, Schokolade, Chips, Bier und Rotwein erlaubt.
Wir feiern die Eröffnung am 5. August zwischen 16 und 18 Uhr mit KölnZuckerhut, Partyhütchen und Pompomps und die Abschlussfeier am 21. August mit Zuckerstangen, Wunderkerzen und ganz viel Flausch.

Zu Kultstätten der #pantwitterspiele wurden neben dem namengebenden Twitter alle sozialen Netzwerke erklärt, allen voran Instagram und Facebook.

Verlauf der Aktion

Bereits zur Eröffnungsfeier landeten die #pantwitterspiele in den Trending Topics Deutschlands, überrundeten sogar den Hashtag #TagdesBieres, und das will schon was heißen. ;) Das Storify von der Eröffnung vermittelt einen guten Eindruck von der Qualität der Interaktion.
Insgesamt wurden acht Disziplinen ausgerufen:

  1. Verbeugen, Umarmen, Rumkugeln
  2. Schönschreiben
  3. Wattebauschkunststapeln
  4. Partyhutjonglieren
  5. Schüttelreimen
  6. Luftspringen
  7. Hausgymnastik
  8. Lobpreisen

Jeder weiß um die Unvorhersehbarkeit, die das Ausrufen von Mitmachaktionen in den sozialen Netzwerken mit sich bringt: die Angst, sich lächerlich zu machen, intellektuelle Hürden, Scheu vor der Mühe oder fehlende Zeit sind nur einige Argumente, die jemanden davon abhalten, aktiv zu partizipieren. Überrascht, fasziniert und begeistert hat mich daher die Kreativität und der Aufwand, mit der die Teilnehmer_innen in den Wettbewerb gingen: Von Fotos, Collagen und Grafiken über lyrische Textbeiträge bis hin zu aufwendigen Vines und animierten Kurzfilmen war alles dabei. Es folgt eine kleine Auswahl:

Es wird sich nicht genau ergründen lassen, wo die Begeisterung herkam, die Energie und der Gestaltungswille. Die Herbergsmütter selbst haben versucht, sich dem in einem Zwischenfazit anzunähern:

Wirklich viel zu lachen gab es in den letzten Wochen und Monaten selten. Gerade Twitter  wird beherrscht von Eilmeldungen und Nachrichten über Unglücke, Tod und Verzweiflung – im Kleinen wie im Großen. Das Weltgeschehen zu verfolgen, sich zu engagieren und Menschen in Not zu helfen ist das Eine. Hierfür sind Social Media in der Tat sehr gut geeignet, auch wenn man manchmal den Glauben an die Menschheit und an das Gute zu verlieren droht.

Das Schlimme und Schöne im Leben findet aber oft gleichzeitig statt. Daher ist es uns ein Anliegen, mit #pantwitterspiele etwas Fröhlichkeit ins Social Web zu bringen. Wer zusammen lacht und sich Albernheiten zugesteht, verzweifelt vielleicht seltener. Was in den wenigen Tagen seit dem Beginn unserer Intervention bereits an menschlicher Wärme durchs Web strömte, macht uns einfach froh. Menschen sind freundlich miteinander, freuen sich über Ausbrüche von Heiterkeit und Unsinn und preisen wohlwollend die Einfälle anderer. Das tut einfach gut und gibt positive Energie. Die hilft wiederum sehr, mit der dunklen Seite der Welt zurechtzukommen.

Ein weiterer schöner Nebeneffekt ist, dass die #pantwitterspiele über die Kultur-Filterblase hinaus Wirkung zeigten. Viele Teilnehmer_innen waren unbekannt oder bislang passive Beobachter_innen. Erstaunlicherweise waren „die üblichen Verdächtigen“ aus der engeren Filterblase relativ wenig aktiv.

Zahlen und Fakten (Zeitraum: 4. – 21. August 2016)

  • 5046 Posts insgesamt, davon:
    • 4940 Tweets von 706 (!) unterschiedlichen Accounts
      66 Instagram Fotos von 29 Accounts
      40 Vines von 10 Accounts
  • (Theoretische) Reichweite: 7.082.741

Fazit und Ausblick

Ich selbst war ja nur Zaungast der #pantwitterspiele und schon nach der Eröffnungsfeier begeistert von der Begeisterung und der Fantasie, mit der die Leute sich beteiligten, zum Großteil Menschen, die zum ersten Mal in meinem Twitterradius auftauchten. Es war interessant, zu sehen, dass die Aktion im Laufe der Tage immer größere Kreise zog, sicherlich begünstigt dadurch, das ein späterer Einstieg jederzeit problemlos möglich war. Nicht hoch genug zu schätzen ist die vorbildhafte und bei solchen Aktionen notwendige Betreuung der Aktion durch adäquate Reaktionen von Seiten der Initiator_innen, denn ein Selbstläufer ist solch eine Aktion nie. Die Herbergsmütter retweeteten und kommentierten die Beiträge der Teilnehmer_innen nicht nur, sie kürten stets auch mehrere Sieger_innen, indem sie liebevoll aufwendige Medaillen und Pokale gestalteten und verliehen. Hier zeigt sich der Schlüssel der Social-Media-Arbeit: dass es eben auch social sein muss, wenn es funktionieren soll.

Zum Erfolg der Aktion trägt sicherlich bei, dass sie nicht an eine Institution gebunden war, dass die #pantwitterspiele keine Marketingaktion im engeren Sinne waren, sondern allenfalls eine Reaktion auf den Social-Media-Olympia-Marketing-Irrsinn. Es bleibt zu vermuten, dass die #pantwitterspiele auch ohne die aus Unmut geborene Ursprungsidee viralen Erfolg gehabt hätte, so schnell wie sie sich davon entkoppelt hat. Das Ansteckende an der Idee war der Gute-Laune-Gegenentwurf zu dem Frust und der Wut, die zur Zeit auf Twitter sehr viel Raum einnehmen.

Kurzum: Die #pantwitterspiele sind ein Best-Practice-Beispiel für Social-Media-Aktionen, weil sich hier die Mischung zeigt, die es braucht, um Aktionen erfolgreich im sozialen Netz umzusetzen: eine gute Idee, Regelmäßigkeit sowie Motivation & Anerkennung (Communitypflege).

Das Schlusswort überlasse ich den Herbergsmüttern, die bereits selbst ein kurzes Fazit gezogen haben:

Wenn uns jemand nach einer Erfolgsformel für die #pantwitterspiele fragen würde, so könnte die so lauten: (Aktuelles Thema) + (Spielwiese) x (kreative Impulse + ständiges Befeuern) x (starkes Netzwerk)

Wer reicht den Vorschlag ein?

Marc Lippuner, Kulturfritzen