TRAUMAWIEN: Das letzte werbefreie Medium

23/09/2013

in Kat.: Marketing-Idee #vsp13, Vz.: Verlage

Kurze Beschreibung des Unternehmens/Akteurs

TRAUMAWIEN wurde im April 2010 von Luc Gross, Peter Moosgaard und Julian Palacz als Verlag für digitale Literatur gegründet.

Experimentelle Verlagstätigkeit. 18 Print Veröffentlichungen. Augmented-Reality Softwareentwicklung sowie mehrerere eigenständige Projekte.

Ausgewählte TRAUMAWIEN Print-Veröffentlichungen: der Keylogger-Roman “End Tell” 2010, der Augmented-Reality fähige Roman “Yorick” 2011, das in der fränzösischen Nationalgalerie Jeu de Paume ausgestellteAmerican Psycho” 2012, Twitter Micro-Prose “Shocking Blue Demon Lover” 2010, oder Oswald Wieners “Die Verbesserung von Mitteleuropa (Bootleg)” 2013.

Ebenfalls seit 2010 bespielt der TRAUMAWIEN ARTCLUB Locations wie das Wiener Fluc, das WerkCabaret Fledermaus oder Forum Stadtpark Graz . Themenabende zu Wiener Gruppe, YouTube-Poesie, 4Chan, Micropoesie, konzeptuelle Literatur, Liquid Text oder Augmented Reality. Eigentliche Literaturveranstaltungen wurden auf diese Weise während der letzten drei Jahre erfolgreich in Clubkontexte eingebettet.

Internationales Aufsehen erregte TRAUMAWIEN mit dem eBook-Projekt “Kindle’Voke Ghostwriters” im Sommer 2012. Die Amazon Kindle-Direct-Publishing-Plattform wurde komplett automatisiert mit eBooks geflutet, welche, im Layout klassischer Dramen aufbereitet, ausschließlich aus YouTube Kommentaren bestanden. Die Aktion, bei der innerhalb weniger Tage mehrere Tausend Titel auf Amazon veröffentlicht wurden, führte nicht nur zu positiven Reviews des M.I.T Technologyreview oder der Süddeutschen Zeitung, sondern auch zur lebenslangen Sperre sämtlicher Amazon Accounts, welche mit dem Projekt in Verbindung gebracht werden konnten.

Mehrere Ghostwriters Titel wurden in Wien als szenische Lesungen aufgeführt.

Abbildung: American Psycho, Jason Huff & Mimi Cabell, TRAUMAWIEN 2012 (Zum Vergrößern auf das Bild klicken.)

Beschreibung der Marketing-Idee

Das letzte werbefreie Medium.

TRAUMAWIEN programmierte im Frühjahr 2013 einen Algorithmus, um aktuelle, über Piraten-Netzwerke vertriebene eBook-Bestseller automatisiert mit Werbeslogans zu kontaminieren. Einmal manipuliert, werden sie als Originaltitel wieder in die Netzwerke eingespeist.

Die im Sommer vertriebenen, “gefälschten” Raubkopien haben mit den Originaltexten nur wenig zu tun. Sie sind dadaistisch und roh, eignen sich jedoch hervorragend für Lese-Performances (erste Titel werden am 22. Oktober 2013 im Republikanischen Club Wien aufgeführt).

Sprache ist ein Virus.

Zukünftige Aufgabe der Software soll es jedoch sein, ein Thema, eine Marke, einen Brand möglichst unintrusiv und aber trotzdem wirksam in einen beliebigen Text einzuflechten, diesen zu brandmarken und umzuschreiben, ohne dass es groß auffällt. Ziel ist es, dass der Text dem Leser seltsam anmutet, dies ihn aber nicht weiter stört. Ziel ist es, dass die visierte Botschaft ankommt. Jedes Mal, wenn wir Google benutzen, geschieht genau das: Reklame arbeitet, ohne dass wir es überhaupt noch wahrnehmen. Culture is to become precisely nothing but advertising, wie es Jaron Lanier einmal ausdrückte.

Unseren direkten Eingriff, die Manipulation fremder Inhalte bzw. die komplette Übernahme dieser, sehen wir in einer Tradition der Appropriation Art. Schon 1959 formulierte Brion Gysin, dass die Literatur der Malerei (oder eben den visuellen Medien/Werbemedien) um 50 Jahre hinterherhinkt. In der bildenden Kunst längst akzeptierte, weit verbreitete Techniken wie Collage, Mashup oder Aneignung sind in der Literatur nicht nur immer noch verpönt sondern werden gar rechtlich geahndet.

Inwiefern ist/war die Marketing-Idee innovativ oder neuartig?

Literarische Software-Trojaner.

Es wird sich herausstellen, ob In-Text-Advertising zu einem Thema werden wird, oder ob das eBook sich als letztes werbefreies Medium halten kann.

Die Maßnahme ist neuartig, da wir als Buchverlag Kanäle der Software-Piraten benutzen. Nicht um sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, sondern um mit ihnen und ihren Technologien in einen Dialog zu treten. Ein in aktuellen Diskussionen, zum Beispiel um die Zukunft des Buches, eventuell fahrlässig ignoriertes Thema. Es bleibt abzuwarten, ob die Buchindustrie mit der Buchpiraterie denselben Fehler begehen wird wie die Musikindustrie mit Napster.

Ein weiterer Grund für die Dissemination über Torrent-Netzwerke ist es, möglichst hohe Downloadzahlen zu erreichen. In der digitalen Welt wird nur ein Preis verrechnet: Aufmerksamkeit.

Die Raubkopie macht ein eBook erst relevant.

Laut Aussagen des derzeitig größten Anbieters deutschsprachiger eBook-Warez sprengen Downloadzahlen aktueller Bestseller jeden vernünftigen Rahmen. Downloads pro Titel und Kalendertag übersteigen – wahrscheinlich auch ohne Übertreibung – alles, was ein Indie-eBook-Verlag in seiner ganzen Existenz an Downloads jemals verrechnen wird. Ob die heruntergeladenen eBooks gelesen, oder nur gehortet werden, ist naturgemäß eine andere Frage. Es soll uns hier um Reichweite, den theoretischen Impact gehen.

DISCLAIMER

Wie in allen unseren Veröffentlichungen, können wir keine Antworten bieten, sondern nur Fragen zur Gegenwart digitaler Praxis stellen.

Um uns rechtlich abzusichern, agieren wir als Kunstprojekt und handeln in keinem Fall gewinnorientiert. Auch können wir aus gesetzlichen Gründen in diesem Posting keine Direktlinks anführen. Aber probieren Sie es doch selbst aus. Besorgen Sie sich die Raupkopie eines aktuellen Spiegel-Bestsellers. Daniel Kehlmann zum Beispiel. Eventuell stammt das Schlusskapitel von uns.

Ist/war die Idee ansteckend oder vielleicht sogar stilprägend?

Mit der Aktion reagieren wir auf den von Amazon gesetzten Trend der “Ad Subsidized eReader”. Jeff Bezos kommunizierte mehrfach, nicht nur eReader durch Werbemaßnahmen verbilligt bzw. gratis anzubieten – “we want to make money when you use our devices” – sondern auch potentielle Inhalte dieser Devices: die Texte selbst. Amazon sieht die Zukunft des eBooks in der Werbung. Um sich hier bereits bekannte Mechanismen wie Product Placements oder Kontextwerbung als In-Text Advertisements zu verbildlichen, darf man natürlich nicht an das denken, was wir bisher unter Roman, Werk oder Autorschaft verstanden haben. Was nicht heißen muss, dass wir es nicht genau dort thematisieren und auch nutzen können.

Ausblick: Wie geht/ging es weiter?

In der Software-Szene ist die hier zur Sprache gebrachte Taktik nichts Neues. Große Häuser unterhalten ganze Abteilungen, um die Warez-Plattformen mit modifizierten Programm-Versionen zu infiltrieren. Dies geschieht nicht ausschliesslich mittels maliziös programmierter Software. Erst unlängst veröffentlichte eine österreichische Software-Firma ein Spiel, dessen gecrackte Version den vermeintlichen Raubkopierer gleich selbst – und also im Spiel und durch einen Avatar – auf den Missstand aufmerksam machte. Selbstredend entstand um das Game in Kürze nicht nur ein regelrechter Kult, sondern es wurde auch zu einem finanziellen Erfolg. Vielleicht hilft es aktuellen Entwicklungen, hier anzusetzen, zu lernen, den Austausch zu suchen.

Als Ausblick können wir damit beginnen, digitale Literatur als Software zu denken. Denn das ist sie.

(Zum Vergrößern auf das Bild klicken.)

Wer reicht den Vorschlag ein?

Luc Gross
TRAUMAWIEN

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